Es ist nun schon einige Tage her, seit du die Grenzen Whenuas erreicht hast. Diese Grenze bestand aus einem bewachten Posten neben der Straße, wo vor allem die Händler angehalten und nach Zoll gefragt wurden. Wer, so wie du, nicht mit viel Gepäck unterwegs ist, durfte unter den strengen Blicken der Soldaten einfach passieren.
Nun breitet sich vor dir ein Land aus, das im Frühling sicherlich so grün ist, dass es in den Augen schmerzt. Im Norden, das weißt du, verschwimmen die Jahreszeiten zu einem einzigen Sommer und die Bäume verlieren niemals ihre Blätter. Doch hier, im Süden des Landes, zeigt sich der späte Frühling in seiner ganzen Pracht. Die warmen Sonnenstrahlen des Jahres fallen auf zarte Blüten und grüne Blätter; die Bauern ernten bereits Kirschen und das Korn gedeiht auf den Feldern.
Als du das erste Mal in einer Taverne Halt machst, um deine Füße auszuruhen, kannst du in Erfahrung bringen, wie der Herrscher dieses Landes heißt. Man nennt ihn den Lordprotector, und sein Name ist Marvis ol Fer. Er scheint bei seinem Volk recht beliebt zu sein; was ungewöhnlich genug ist. Du erkundigst dich nach dem Turnier, von dem du gehört hast, und man erklärt dir, dass es im Quarter Redis stattfinden wird, das im Westen liegt. Dieses Turnier scheint tatsächlich ziemlich viel Aufruhr zu erzeugen, denn es ist das Gesprächthema Nummer eins. Jeder ist schon gespannt, was dort passieren wird – Geschichten verbreiten sich schnell von Mund zu Ohr. Du gewinnst immer mehr den Eindruck, dies wäre eine sehr traditionelle Veranstaltung, und die Einheimischen tratschen das ganze Jahr über die Geschehnisse beim letzten Mal.
Du selbst bist natürlich auch schon neugierig, was dich erwartet. Auf einem Turnier gibt es schließlich etwas zu gewinnen – und es gibt Geschichten, Lieder und manchmal sogar Abenteuer. Mit diesen erfreulichen Gedanken begibst du dich nach Westen. Du erreichst das Quarter Redis und rechnest damit, schon bald am Ziel zu sein, als du eines Tages auf der Straße von einer gar seltsamen Reisegruppe überholt wirst. Es handelt sich um einen offenen Karren, der von einem Mann gelenkt wird. Eine Frau und ein weiterer Mann sitzen im Karren und ein dritter Mann reitet auf einem Pferd daneben her. Alle vier sind in lange, weiße Gewänder gekleidet und starren mit einem völlig abwesenden Gesichtsausdruck in die Ferne. Fast wirkt es, als würden Pferd und Wagen sich selbst lenken. Als sie dich überholen, streift dich der Blick des Mannes auf dem Pferd und unter diesem Blick windest du dich. Zwar fühlst du dich nicht bedroht, doch irgendwie wiegt dieser Blick mehr als tausend Tonnen und verheißt interessante Zeiten.
Irritiert wirst du langsamer und wartest auf den Händler, den du vor einer Viertelstunde überholt hast. Als er zu dir aufschließt, begrüßt du ihn erneut und fragst ohne Umschweife, ob er weiß, welche Gestalten da gerade vorbei gekommen sind. Die Antwort erstaunt dich nicht wenig:
„Jaaa, die können einem schon Angst einjagen, wenn man sie das erste Mal sieht, oder? Das waren Angehörige des Schicksalsordens. Schemen des Schicksals, so nennen wir sie. An so einem würde ich mich an deiner Stelle nicht vergreifen, denn das gilt hier als Verbrechen. Abgesehen davon, dass du dir damit das Schicksal zum Feind machst – und wer will das schon, oder?“
Das Schicksal? Du kennst das Schicksal als diffuse Macht, die du mit Zufall, Glück und Pech in Verbindung bringst. Aber nicht mit einem Gott. Das sagst du auch, und bekommst zur Antwort: „So isses auch, so isses. Is kein Gott. Bloß, dass das Schicksal nicht festgeschrieben ist, und dass es selbst auch eine Meinung hat, wie sich die Dinge entwickeln sollen. Und dann genügen Zufälle manchmal nicht mehr, dann muss es selbst vor Ort sein. Diese Leute, diese Schemen – sie geben sich dem Schicksal in die Hand. Frag mich nicht, warum sie das tun, ich käme im Leben nicht auf die Idee. Aber sie tun es und in dem Moment verändern sie sich. Zwar essen sie normal und ich schätze, man könnte sie sogar verletzen. Aber sie reden in einer völlig verdrehten Weise und tragen Sorge, dass die Geschichte weiter geht. Diese vier da, die ziehen sicher zum Turnier. Das kann nur bedeuten, dass dort etwas von großer Tragweite passieren kann.“
Diese Auskunft musst du nun erst mal verdauen. Als du dich laut fragst, wie man mit solchen Leuten wohl spricht, und wie man sie anspricht, erklärt dir der Händler:
„Sag’ einfach Schicksal. Das ist niemals falsch. Soweit ich weiß, haben sie zwar Namen, aber ich könnte sie nicht auseinander halten, so weiß, wie sie alle sind. Sei höflich und versuch niemals, sie zu hintergehen, dann bist du auf der sicheren Seite.“
Du trottest noch eine Weile neben dem Händler her. Er ist ein recht geschwätziger Bursche, und erzählt dir so einiges über Whenua und das Quarter Redis. Zum Beispiel, dass der Protector dieses Quarters Fred Alto selas Tanubar heißt, aber dass er das Turnier nicht selbst ausrichtet. Das macht eine Gilde von Kriegsveteranen, die sich „Eisengrau“ nennt. Diese Leute genießen hier in Whenua offenbar großes Ansehen, weil sie in vielen Schlachten waren und ihre Erfahrung nun an junge Soldaten weiter geben. Der Händler erzählt dir, dass Fred alto Selas Tanubar noch sehr jung ist und angeblich vor ein paar Jahren versucht hat, inkognito an dem Turnier teilzunehmen. Vielleicht, so meint der Händler, schaut er ja dieses Jahr ganz offiziell vorbei, weil das Turnier ja in seinem Quarter stattfindet. Im selben Atemzug erzählt dein Begleiter:
„Aber egal, in welchem Quarter das Turnier ist, die Ehrenwache übernimmt immer die Garde von Linsar. Das haben die so mit den eisengrauen vereinbart. Ist schon lustig, wenn die mit ihren rot-schwarzen Wappenröcken durch die anderen Quarter ziehen. Aber sie sind ein ziemlich guter Haufen, feine Soldaten sind das. Auf die kann man sich verlassen.“
Außerdem erfährst du, dass die Menschen vor vielen Generationen aus dem Norden kommend hier nach Whenua eingewandert sind. Vorher gab es hier fast nur Wald und ein primitives Volk, das Rwang genannt wird. Von den Rwang scheint der Händler aber nicht allzu viel zu halten, denn er bezeichnet sie als „streunendes Gesindel, das aus dem Wald gekrochen kommt.“ Er warnt dich vor ihnen und behauptet, dass sie stehlen und anderen Menschen das Essen vergiften. Sie sollen angeblich auch Hunde und Katzen essen, Gift spucken und andere Menschen verfluchen können. Als du fragst, woran du so einen Rwang erkennen kannst, bekommst du lachend zur Antwort:
„Wenn du irgendwo jemanden siehst, der in Fetzen und Felle gekleidet ist und keiner ordentlichen Arbeit nachgeht, dann ist das schon ein guter Tipp. Wenn der dann auch noch Federn im Haar hat, ungekämmt aussieht, und deine Sprache nicht ordentlich spricht, kannst du dir recht sicher sein, einen Rwang gefunden zu haben.“
Danach schwafelt der Händler dich nur mehr mit seinen eigenen Sorgen über die Steuern, die hohen Beiträge der Händlergilde und die Ungerechtigkeit der Welt zu. Du überlegst dir bereits, wie du ihn freundlich wieder loswirst, als du nebenbei, um interessiert zu wirken, fragst, ob es denn auch viele Magier gibt. Das lässt den Händler kurz verstummen, dann lacht er und meint fröhlich:
„Soweit ich weiß, ist in Whenua noch kein Magier auf die Welt gekommen. Und diejenigen, die von außerhalb her kommen, die verbrennen sich ganz oft die Finger! Ich weiß nicht, woran es liegt, aber es heißt, dass hier die Zauber nicht richtig funktionieren. Aber genau darfst du mich das nicht fragen, mit so was kenn ich mich nicht aus. Da musst du zur Lex Arcana gehen – entweder triffst du auf dem Turnier welche von denen, oder du musst in die Hauptstadt, nach Ostarium. Da gibt es eine ganze Universität voller Magier – das hab ich nie kapiert… wieso wir ausgerechnet hier, wo die Magie spinnt, eine riesige Universität für Magier haben!“ Er lacht laut und meckernd; entweder über seinen eigenen Witz oder dein verdutztes Gesicht. Du weißt nicht so recht, ob du dieser Geschichte glauben schenken sollst. Sie klingt mehr nach den Ammenmärchen eines Volkes, das Magie fürchtet, als nach einer Tatsache.
Schließlich hält der Händler an, um seine Ochsen zu füttern und zu tränken. Du nutzt diese Gelegenheit, um dich von ihm zu verabschieden und schnell weiter zu kommen. Dein Kopf schwimmt von all der Information, die du erhalten hast und nun bist du wirklich neugierig, was dich wohl erwarten wird.